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Die vergessene Verkehrszählung 2023
Die Stadt Göttingen hat nicht die Verkehrszählung 2023 vergessen. Sie weist nach wie vor darauf hin :
Im Stadtgebiet Göttingen werden in der Woche ab 12. Juni 2023 bis zum Ende der ersten Juliwoche an 24 Standorten Verkehrszählungen im Auftrag der Stadt Göttingen durchgeführt. … Sie werden den fließenden Verkehr nicht beeinträchtigen und erfolgen mit Videokameras …
Was sie hingegen bislang vergessen hat, ist das Ergebnis zu veröffentlichen. Es gibt lediglich Hinweise in den Sitzungsprotokollen des Ortsrats Grone, dass die Verwaltung auf eine Anfrage GrSPD/0002/23 die Antwort leider auf ihrem Schreibtisch liegengelassen hat, und einige Wochen später, dass die ausgewerteten Daten ins Verkehrsmodell eingespeist und ganzheitlich betrachtet werden sollen.
Anfang 2025 erfolgte dann die Mitteilung der Ortsbürgermeisterin von Grone, dass die Ergebnisse der Verkehrszählung nun vorliegen. Wie diese Ergebnisse genau aussehen, blieb allerdings weiter im Dunkel.
Mehr zugelassene Fahrzeuge – mehr Verkehr?
Die Verkehrszählung geriet in Vergessenheit vor dem Hintergrund der Jahr für Jahr steigenden Zulassungszahlen für Fahrzeuge in Göttingen. Diese Zahlen sind von 2013 von 58475 auf 65734 im Jahr 2024 gestiegen, was einem Zuwachs von 12,4% in zehn Jahren oder einem jährlichen Zuwachs von mehr als einem Prozent entspricht.
Es war deshalb klar, dass der bestehende Strassenraum mit immer mehr Fahrzeugen geteilt werden musste. Entsprechend wurde die Verkehrsfläche im gleichen Zeitraum vergrößert, von 1107 ha auf 1159 um 4,7%. Die Länge der Radwege hingegen blieb weitgehend gleich. Alle hier zitierten Zahlen beruhen auf dem jährlichen statistischen Bericht der Stadt Zahlen, Daten, Fakten .
Aber nicht nur die Verkehrsfläche für den motorisierten Verkehr ist erweitert worden, auch wurden Initiativen, die sich für andere Verkehrsarten stark gemacht haben, mit dem Argument der Steigerung des Verkehrs für wirklichkeitfremd erklärt und behindert, wie zum Beipiel der Radentscheid Göttingen oder die Initiativen zur Stärkung des ÖPNV durch Busspuren und Taktverdichtung zum Beispiel vom Klimabeirat der Stadt.
Nun, nein eigentlich vor anderthalb Jahren, stellt sich heraus, dass es überhaupt keine Steigerung des Verkehrs gab, im Gegenteil:
15% weniger innerstädtischer Verkehr in Göttingen
Durch eine Anfrage des Göttinger Klimabündnis an die Göttinger Stadtverwaltung über Frag den Staat sind die Daten zur Verkehrszählung 2023 nun öffentlich. Und das Ergebnis der Zählung ist alles andere als selbstverständlich und sollte weitreichende Konsequenzen haben.
Die Auswertung der Verkehrsflüsse in Göttingen ist in dieser Verkehrszählung an den meisten Strassen sehr detailreich und bietet eine sehr gute Grundlage zur Beurteilung der Verkehrslage in den Jahren 2023/2024. Hier ein Ausschnitt aus dem nun veröffentlichten Dokument für den Kernbereich Göttingens.
Bild 1: Ergebnis der Verkehrszählung 2023/2024 Göttingen Mitte
Um Trends zu erkennen, müssen die Zahlen zusätzlich mit denen aus früheren Zählungen verglichen werden. Eine ähnliche Zählung wurde zehn Jahre zuvor im Jahre 2013 für den Verkehrsentwicklungsplan Göttingen 2015 gemacht, weit weniger detailsreich, schliesslich wurde damals noch von Hand gezählt, was wesentlich aufwendiger und teurer war. Aber die Zahlen an den wichtigsten Knotenpunkten und Ausfallstrassen können verglichen werden.
In die damals erstellte Grafik sind vom Göttinger Klimabündnis die Zahlen von 2023/2024 an den entsprechenden Punkten der Zählung von 2013 zum Vergleich zusätzlich eingetragen. Diese Zahlen sind grün eingefärbt, wenn sie gleich oder geringer waren als 2013, und rot wenn sie höher waren. Damit ergibt sich ein recht gutes Bild über die Verkehrsentwicklung in der Stadt über diesen Zehnjahreszeitraum.
Bild 2: Neben den Verkehrszählungsdaten 2013 in tausend gezählten Fahrzeugen sind hier auch die Daten von 2023/2024 abgebildet
Deutlich wird damit, dass es eine Verringerung der Verkehrsdichte im gesamten innerstädtischen Bereich gegeben hat. Die einzige Erhöhung der Zahlen an der Herzberger Landstr., Ecke Friedländer Weg ist marginal und liegt im Bereich von möglichen Messfehlern.
Der Fernverkehr ist deutlich gestiegen
Deutlich ist aber auch, dass die innerstädtische Verkehrsdichte auf Anschlussstrassen zum Fernverkehr entlang der B27, auf der B3, im nördlichen Weende gestiegen ist. Zudem gibt es eine deutliche Erhöhung des Verkehrsaufkommens im ausserstädtischen Süden nördlich Rosdorf. Beides lässt sich u.a. mit den erheblichen Gewerbe- und Transport-Neuansiedlungen im Industriegebiet und an der Siekhöhe erklären.
Unklar bleibt inwieweit die Baustelle auf der A7, die erst Ende 2023 fertig gestellt wurde, auch zu diesem verstärkten Verkehr beigetragen hat.
Alles in allem eine Verringerung um 3,1%
Um eine Vorstellung von der Größenordnung zu bekommen, um wieviel sich der Göttinger Verkehr an den genannten Knotenpunkten geändert hat, ist die folgende tabellarische Übersicht hilfreich.
Bild 3: Gegenüberstellung der Verkehrsdaten von 2013 und 2023 in Göttingen auf Grundlage einer
Tabelle
Wenn dabei die gemessenen Verkehrszahlen akkumuliert werden, lässt sich erkennen, dass der gesamte innerstädtische motorisierte Verkehr um beträchliche 14,8% gesunken ist. Eine mögliche Verzerrung der Zahlen durch die vielen Zählpunkte auf der Kasseler Landstr. kann weitgehend ausgeschlossen werden, da die akkumulierten Verkehrzahlen dort ebenfalls um 14% gesunken ist.
Der ausserstädtische und Fernverkehr ist deutlich stärker (akkumuliert 65%, mit einer teilweisen Verdopplung der Zahlen) gestiegen. Dies kompensiert allerdings aufgrund der geringeren Gesamtmenge nicht die Verringerung in der Innenstadt. Im gesamten gemessenen Verkehrsgebiet gibt es immer noch eine Reduktion des Verkehrs um 3,1%.
Auf vierspurigen Strassen ein Viertel weniger Verkehr
Besonders gravierend und politisch besonders bedeutend sind die Abnahmen auf den großen innerstädtischen vierspurigen Strassen, der Berliner Str. (26,6%), der Bürgerstr. (22,9%), der Kasseler Landstr. (ca. 20% auf weiten Strecken) und der Weender Landstr. (28,7%). Hier kann davon ausgegangen werden, dass ein großer Teil über die B3 und zum Teil über die Strasse am Güterverkehrszentrum abgefangen wird. Auf der geringer befahrenen, ebenfalls vierspurigen Robert-Koch_str. fällt das Ergebnis geringer aus (9,5%), und wirkt gemischt durch die Erhöhung im nördlichen Weende.
Aber auch auf der wichtigen nur zweispurigen Geismar Landstr. hat der motorisierte Verkehr überdurchschnittlich abgenommen (24,2%). Der Verkehr über die Reinhäuser Landstr. wurde 2013 leider nicht gemessen, liegt aber in der Messung 2023/2024 ab der Danziger Str. mit 2,9 bis 4,6 Tausend Fahrzeugen deutlich unter dem Verkehrsaufkommen der Geismar Landstr..
Wo sind die zusätzlichen Fahrzeuge geblieben?
Offensichtlich gibt es nun einen Widerspruch zwischen einem Anstieg der Zulassungszahlen und einem Rückgang der Verkehrsdichte. Zum Teil lässt sich dies mit dem verstärkten Fernverkehr erklären, aber selbst wenn dieser einberechnet wird, sind die Verkehrzahlen ja noch rückläufig. Daher muss dies mit einem Anstieg der Standzeiten pro Fahrzeug einher gehen, denn Autos, die weniger fahren, müssen länger abgestellt werden.
Das macht die Entwicklung, die wir derzeit im motorisierten Verkehr in Göttingen erleben, noch absurder. Nicht nur, dass immer größere Fahrzeuge in den Verkehr gebracht werden, Autos werden zusätzlich gekauft, um sie dann länger irgendwo hinzustellen.
Seit Jahren ist in Göttingen von einem erhöhten Parkdruck die Rede und diese Debatte wird oft sehr emotional geführt. Aber in Göttingen sind nicht die dabei behaupteten, immer weniger werdenden Parkplätze das Problem. Im Gegenteil: seit 2013 haben sich die innenstadtnahen Parkplätze von 5721 um 18,6% auf 6786 erhöht, die der Parkhausplätze von 2145 um 6% auf 2274 (ebenfalls Zahlen, Daten, Fakten ).
Aber steigende Zahlen stehender Fahrzeuge erhöhen natürlich den Parkdruck erheblich. Es sind die Automobilisten, die ihre zusätzlichen Fahrzeuge, die sie statistisch gar nicht zusätzlich fahren, irgendwo abstellen wollen, und dafür einen Anspruch auf öffentlichen Raum geltend machen.
Die nachweisbar verfehlte Verkehrspolitik der letzten Legislatur
Mit diesen Zahlen ist erstens klar, dass die Verkehrspolitik der Stadt Göttingen der letzten zehn Jahre auf falschen Annahmen beruhte. Und viel wichtiger wird damit zweitens deutlich, dass die Stadt sich seit anderthalb Jahren darüber im Klaren ist, dass sie ihre Verkehrspolitik anpassen müsste.
Nicht nur das, auch die regierenden Parteien dürften über dieses Ergebnis seit Anfang 2025 informiert sein. Die SPD kennt es seitdem nachweislich, wie oben berichtet, über den Ortsteil Grone. Und es ist kaum anzunehmen, dass eine solche Aussage in einer Regierungskoalition nicht zur Sprache kommt.
Aber weder die Stadtverwaltung noch diese Regierungskoalition waren offensichtlich bereit, ihre Bürger über diese Entwicklung zu informieren, geschweige denn daraufhin ihre Politik in Frage zu stellen. Eine solche Vorgehensweise wird für gewöhnlich als ideologisch bezeichnet.
Es ist Zeit für eine Neuaufteilung des Verkehrsraums
Von verschiedenen Seiten wird seit vielen Jahren eine Neuaufteilung des Verkehrsraums zugunsten ÖPNV, Fuß- und Radverkehr gefordert, was von der Stadt bislang abgelehnt wurde, im Wesentlichen mit der Begründung, dass dies den motorisierten Verkehr zu stark belasten würde.
Die hier vorliegenden Zahlen der Verkehrsentwicklung über den genannten Zehnjahreszeitraum machen allerdings deutlich, dass dieser Verkehr ohnehin schon deutlich abgenommen hat und dass er sich bei einer Fortschreibung des Trends schon 2035 auf den großen vierspurigen Strassen und weiteren wichtigen Verkehrsachsen halbiert haben wird. Spätestens dann sind dort also zwei der vier Spuren anderweitig nutzbar. Mit der Planung und Vorbereitung dafür muss heute begonnen werden. Dies wird eine der wichtigsten Aufgaben in der nächsten Legislatur werden.
Bus- und Taxispuren können sofort entstehen
Aber eine Mischnutzung des Verkehrsraums durch zusätzliche Bus- und Taxispuren auf den vierspurigen Strassen Göttingens ist mit diesen nun öffentlichen Verkehrszahlen auch heute schon möglich und gerechtfertigt. Obwohl die Stadt die Zahlen kannte, wurde diese Möglichkeit von der Stadt stets negiert, darauf bauend, dass die Zahlen der Öffentlichkeit nicht bekannt waren.
Eine solche Mischnutzung würde den derzeit stark unter Druck stehenden ÖPNV wesentlich entlasten, die Fahrzeiten für die Busfahrer deutlich planbarer machen und könnte damit deren Überstundenüberhang in kurzer Zeit abbauen.
Einbahnstrassen mit Radwegen
Auch rechtfertigt der deutliche Rückgang des Verkehrsaufkommens der Geismar-Landstr. (24,2%) bereits heute dort eine Einbahnstrassenregelung zusammen mit dem Friedländer Weg in Gegenrichtung mit der zusätzlichen Ausweisung von Radwegen, so wie dies im Göttinger Radentscheid gefordert ist. Auch dies hat die Stadtverwaltung stets mit dem Argument des Verkehrsaufkommens verweigert – einem Verkehrsaufkommen, von dem sie wusste, dass es schon um etwa ein Viertel gesunken ist und vermutlich weiter sinken wird.
Mehr Mobilität für Alle
All diese Maßnahmen sind vermutlich mit relativ geringen Geldmittel zu bewerkstelligen, aber würden die Verkehrssituation für sehr viele Göttinger erheblich verbessern. Gleichzeitig wäre die Verkehrssituation für den motorisierten Verkehr aufgrund der Verkehrszahlen im Wesentlichen ähnlich wie sie 2013 war - insgesamt gäbe es also mehr Mobilität für alle.
Ulrich Schwardmann für das Göttinger Klimabündnis, 30. Juni 2026