Hintergründe der Berechnungen zum Göttinger CO2-Budget

sowie der Info-Input im Umweltausschuss am 23.3.2021, gehalten im Namen der Gruppe Parents for Future und des Göttinger Klimabündnis.

Posted by Göttinger Klimabündnis on Friday, April 9, 2021

Rede vor dem Umweltausschuss am 23.3.2021

Sehr geehrte Vorsitzende, sehr geehrte Ratsfrauen und Ratsherren,

ich habe mich in den letzten Woche ntensiv mit einer klimawissenschaftlichen Studie zu den Göttinger Ratsanträgen zum Klimaplan2030 beschäftigt, die ich am letzten Mittwoch an alle Göttinger Parteien verschickt habe.

Ich möchte hier ein Thema aus der Studie herausgreifen: das der $CO_2$-Budgets.

Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinem Sonderbericht von 2018 zum Pariser 1,5°-Ziel globale Emissionsbudgets für verschiedene Temperaturerhöhungen mit Wahrscheinlichkeiten zur Einhaltung berechnet. Diese Budgets ermöglichen es, die etwas vage Formulierung des Pariser Klimaabkommens konkret zu machen, und sie können leicht auf Länder, Regionen, Städte heruntergebrochen werden.

CO2-Budgets stellen die Verbindung zwischen der Physik der Klimakrise und der politischen Handlungsebene her. Sie machen politische Verantwortung messbar, sie sind gewissermaßen die Inzidenzzahlen der Klimakrise.

Einzig der Antrag von Göttingen-Zero nimmt auf derartige CO2-Budgets Bezug: hier das Budget für ein 1,5°-Ziel mit Wahrscheinlichkeit 50% mit der Forderung nach Klimaneutralität bis 2030 für Göttingen.

In den Anträgen von SPD und den Grünen wird ein Szenario mit Klimaneutralität bis 2050 und einem Zwischenziel bis 2030 auf 35% der Emissionen von 1990 vorgeschlagen. Die CDU nennt kein Ziele, sondern schlägt konkrete Maßnahmen vor, die aber in der Summe nicht für ein derartiges 35% Ziel reichen. Das 35%-Ziel wurde nun auch in der Verwaltungsvorlage für die heutige Umweltausschusssitzung übernommen.

Zum einen geht die 35% auf die Ziele der EU und eine Studie der Agora-Energiewende zurück: beide Szenarien arbeiten allerdings noch nicht mit Budgets. Im Umweltgutachten 2020 vom Sachverständigenrat für Umweltfragen wird ein Budget mit einem 1,75°-Ziel und 67% Wahrscheinlichkeit für Deutschland berechnet, das noch bis 2036 bei linearer Reduktion reicht (S.52).

Darauf bauen die Berechnungen des Planungsbüros für Göttingen auf, zu der diese Reduktion auf 35% bis 2030 passen. Auffällig ist nun, dass dieses Budget für Göttingen zehn Jahre länger, bis 2046 reicht. Woher kommt das?

Die 35% beziehen sich auf Zahlen von 1990, als Göttingen als Verwaltungs- und Universitätsstadt pro Kopf weniger als nur Dreiviertel des BRD-Durchschnitts ausgestossen hat.

Das Budget wird aber nun im Jahre 2018 mit 100% auf die Göttinger Einwohner verteilt. Damit bekommt Göttingen das Budget einer Industriestadt, und kann damit natürlich viel länger CO2 ausstossen, als der Rest der BRD. Das Budget muss auf die Ausgangslage 1990 normiert werden.

Meine erste Frage: Wird dies im Klimaplan noch korrigiert?

Um im Rahmen des korrekten Budgets zu bleiben, ist bis 2030 eine Reduktion um mindestens 80% erforderlich. Die Ratsanträge und die Vorlage der Verwaltung berufen sich auf das Pariser Klimaabkommen. In der Studie wird gezeigt, dass dessen Ziele mit der jetzt geplanten Verwaltungsvorlage eindeutig verfehlt werden.

In vier Wochen geht das Klima schon nicht kaputt” soll in der letzten Sitzung des Umweltausschusses gesagt worden sein.

Was es mit einer solchen Aussage auf sich hat, lässt sich auch anhand der Budgets erkennen: Vier Wochen “weiter so” machen zum Beispiel im 1,75°-Budget bereits etwa 1% aus: alle vier Wochen verlieren mehr als 1000 Göttinger damit ihr CO2-Budget. Und keinerlei CO2 mehr verbrauchen zu dürfen, bedeutet unter den gegebenen Umständen praktisch nichts, auch keine Nahrung mehr verbrauchen zu können. Auch wenn dieser Vergleich konstruiert zu sein scheint: Das ist der Notfall, von dem Oberbürgermeister Köhler sagt, ihn nicht sehen zu können.

Ich möchte daher alle im Rat vertretenen Parteien dringend fragen:

Wäre es nicht im Angesicht dieser Krise an der Zeit, konstruktiv strategisch zusammen zu arbeiten, parteipolitisches Taktieren hintanzustellen, und gemeinsam ein 1,5°-gerechtes Budget als Zielvorgabe für die notwendigen Maßnahmen zu beschliessen?

Vielen Dank

Hintergründe bei der Berechnung von CO2-Budgets

Der Weltklimarat (IPCC) hat in seinem Sonderbericht von 2018 zum Pariser 1,5°-Ziel globale Emissionsbudgets für verschiedene Temperaturerhöhungen mit Wahrscheinlichkeiten zu deren Einhaltung berechnet. Diese Budgets ermöglichen es, die etwas vage Formulierung des Pariser Klimaabkommens konkret zu machen, und sie können leicht auf Länder, Regionen, Städte heruntergebrochen werden. CO2-Budgets stellen die Verbindung zwischen der Physik der Klimakrise und der politischen Handlungsebene her. Sie machen politische Verantwortung messbar, sie sind gewissermaßen die Inzidenzzahlen der Klimakrise. Aber sie müssen dabei korrekt auf den jeweiligen Anteil der zugrundegelegten Emisionen bezogen werden.

Das CO2-Budget, das vom Planungsbüro für Göttingen berechnet wurde, geht von den entsprechenden Berechnungen des Sachverständigenrat für Umweltfragen für Deutschland für das Jahr ab Anfang 2019 aus, und überträgt dieses Budget auf die Stadt Göttingen aufgrund seiner Einwohnerzahl anteilig an der bundesdeutschen Bevölkerung.

Das anteilige CO2-Budget jedes einzelnen bundesdeutschen Bürgers am deutschen Gesamtbudget, und damit auch das jedes Göttinger Bürgers, beinhaltet dessen gesamten CO2-Verbrauch und nicht nur den Verbrauch innerhalb der Stadtgrenzen Göttingens.

Die Messungen im Masterplan 100% Klimaschutz für Göttingen beziehen sich aber nur auf den CO2-Verbrauch innerhalb der Stadtgrenzen Göttingens (Territorialprinzip), und daher ist auch der anteilige CO2-Verbrauch jedes Göttinger Bürgers nach der territorialen Rechnung entsprechend geringer als sein bundesdeutscher Verbrauch. Wenn im Budget das nicht territoriale CO2 enthalten ist und es im Verbrauch ausgeklammert wird, wird das Budget, was scheinbar länger hält, entsprechend überbucht, weil der nicht erfasste Restverbrauch natürlich trotzdem entsteht.

Welche Möglichkeiten gibt es also, diese Differenz abzubilden? Zunächst lässt sich das Verhältnis zwischen territorialem und bundesweitem (oder auch weltweitem) Verbrauch jährlich anhand der schon bekannten Zahlen erfassen. Nun ist aber das CO2-Budget ein Instrument, um den Verbrauch für die Zukunft, für die noch keinen Verbrauchszahlen vorliegen, zu planen. Daher muss für diese Verbrauchszahlen ein vernünftiger Wert für das Verhältnis zwischen territorialem und bundesweitem Verbrauch angenommen werden. Dies könnte zum Beispiel der Wert des Jahres Anfang 2019 für die Budgetrechnung (~0,718), aber auch des Ausgangsjahres 1990, auf den sich die Reduktionsziele beziehen, (~0,723) sein.

Wegen der marginalen Veränderung der Verhältnisse der Verbrauchsrechnung bietet sich der Einfachheit halber ein Bezug auf das Jahr 1990 an, denn damit kann auch die Rechnung der Reduktionsziele vollständig auf den CO2-Verbrauch dieses Jahres normiert werden.

Insgesamt muss daher das Göttinger CO2-Budget um dieses Verhältnis zwischen territorialem und bundesweitem Verbrauch vermindert werden, was bei der Annahme einer lineraren CO2-Reduktion auch zu einer entsprechenden Verkürzung der Zeit bis zum Aufbrauchen des Budgets um etwa acht Jahre führt, also etwa 2037 bei der Annahme des Einhaltens von +1,75°C mit einer Wahrscheinlichkeit von 67%, und damit etwa ein Jahr länger als der entsprechende deutschlandweite Restzeit.

Wenn das richtige CO2-Budget für die Berechnung und Begründung von Zwischenzielen herangezogen wird, sind lineare Reduktionspfade zwischen diesen Zielen ein sinnvolles Maß zur Budgetabschätzung. Ein Zwischenziel von 35% bis 2030 entspricht dem bislang falsch berechneten Budget für Göttingen mit fortgesetzter linearer Reduktion und Klimaneutralität im Jahre 2046. Um Klimaneutralität mit dem korrekt berechneten CO2-Budget zu erreichen, muss ein Zwischenziel von etwa 20% für 2030 gegenüber 1990 angestrebt werden.

Zur Rolle des CO2-Budgets bei den Göttinger Ratsanträgen zum Klimaplan2030

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