Windenergie in Goettingen

Der Plan ist längst fertig, er muss nur noch beschlossen und umgesetzt werden.

Posted by Göttinger Klimabündnis on Saturday, March 12, 2022

Inhalt

Der aktuelle Hintergrund: schnell weg von Gas, Öl und Kohle

Im russische Angriffskrieg gegen die Menschen in der Ukraine geht es um Demokratie und Selbstbestimmung, aber auch um Energiepolitik. Es geht auch um die Macht über fossile Brennstoffe als der wesentlichen Devisenquelle für Russland und einer unverzeihlichen Abhängigkeit von diesen fossilen Brennstoffen in Deutschland, der EU und dem Rest der Welt - entgegen aller klimapolitischer Vernunft.

Es ist mittlerweile weitgehend allen klar: je schneller Russland der Gas- und Ölhahn zugedreht werden kann, desto schneller ist dieser Krieg zu Ende. Hintergründe dazu auch in der Rede des Autors zum Ukraine-Krieg   zwei Tage nach Kriegsbeginn auf der Demonstration gegen Krieg, Grenzen und Imperien.

Nur wie? Die derzeitige Debatte verweist immer noch weitgehend auf fossil-immanente Lösungen, wie zum Beispiel andere Gaslieferanten zu suchen, LNG zu ermöglichen oder gar Kohle oder Atomkraft als die Heilsbringer darzustellen.

Seit mehr als fünfzig Jahren ist die Erderwärmung als Folge fossiler Verbrennung wissenschaftlich bekannt, und seit mehr als dreißig Jahren wird dies auch in der Politik wahrgenommen.

Auch darauf, dass fossile Export-Wirtschaft mit erheblicher Ausbeutung von Mensch und Natur zusammengehen und häufig unter despotischer Herrschaft betrieben wird, ist vielfach hingewiesen worden. So sind auch die möglichen alternativen Lieferländer unter Menschenrechtsgesichtspunkten keine Alternativen mehr.

Und so wacht unser Land nun also aus einem Dornröschenschlaf auf, und merkt, dass ein konsequenter Ausbau erneuerbarer Energien die derzeitige politische Abhängigkeit und Handlungsunfähigkeit verringert, wenn nicht vermieden hätte. Und dies zu volkswirtschaftlich vertretbaren Kosten. Verschiedene Studien zeigen dass sie, inklusive aller notwendigen Speicherkapazitäten, durch Skaleneffekte wohl mittlerweile unter den Kosten der fossilen Energiewirtschaft lägen.

Aber hätte, könnte, sollte hilft jetzt nicht mehr. Jetzt können wir uns nur noch im Eilverfahren unabhängig machen von der Fossilenergie, die uns aus Russland oder verschiedensten anderen despotischen Ländern angedient wird. Teuer wird das in jedem Fall, einzig mit erneuerbarer Energien kann mittelfristig eine vertretbare Kostenstruktur erreicht werden, ohne dass dabei Kriegskassen gefüllt werden. Bis dahin muss neben all den notwendigen Investition ein sozialer Ausgleich im Bereich Energie geschaffen werden.

Aber vor allem muss die erneuerbare Energiewende nun konsequent und so schnell wie möglich angegangen werden. Wir brauchen einen Umschwung im Wärmemarkt hin zu strombetriebenen Wärmepumpen und damit einen massiven Ausbau von Windenergie und Photovoltaik. Vor allem die Windenergie muss hier die wichtigste Rolle spielen, denn sie hat im Vergleich zu den anderen Eneuerbaren einen geringen Energiespeicherbedarf und steht in geringer Flächenkonkurrenz zur Landwirtschaft. Die Technik ist sehr ausgereift und hohe Fertigungskapazitäten sind in Deutschland vorhanden.

Wer diesen Krieg so schnell wie möglich beenden will, sollte daher jetzt auch so schnell wie möglich den Ausbau von Windkraft-Anlagen ermöglichen, und dieser wird regional beschlossen, ist also in Göttingen Stadtpolitik.

Die Verspargelung der Landschaft

Bislang wurde der Ausbau vor allem verhindert durch Argumente der Ästhetik. Die Verspargelung der Landschaft war ein gängiges Bild, das der Spiegel, bekannt damals für ganzseitige Anzeigen des Kohlekonzerns RWE, im Jahr 2004 (1) den Bürgerinitiativen gegen Windkraft mit auf den Weg gegeben hat. Dieses Argument ist das einzige, das geblieben ist. Infraschall und Vogelschredder als Gegenargument sind widerlegt. Beim Infraschall hat sich die PTB um 36 Dezibel (in der Lautstärke etwa das 10.000-fache) verrechnet 2 und tausendmal mehr Vögel sterben an Glasscheiben als an Windkraftanlagen. Beim Rotmilan und anderen Raubvögeln sind es die Frontscheiben von Autos und Zügen, bei den anderen Vögeln meist die Fensterscheiben von Gebäuden.

Abgesehen davon, dass Argumente der Ästhetik ausserordentlich fragwürdig sind im Angesicht des Krieges und der Klimakrise: wie die Verspargelung der Landschaft als Folge des KLimawandels wirklich aussieht, wird im Harzer Nationalpark deutlich.

Harzer Nationalparkl

Wie sieht die Situation in Göttingen aus?

Wie gesagt: der Ausbau von Windkraft-Anlagen ist Göttinger Stadtpolitik. Es ist also die Frage, was hierbei in Göttingen wie schnell gemacht werden kann? Und es stellt sich heraus: wir können sofort im großen Stil loslegen.

Tatsächlich haben wir in Göttingen ausserordentlich gute Startbedingungen, um sofort mit einem Windenergie-Ausbau-Programm zu starten. Es gibt nämlich einen fertigen Plan (Verwaltungs-Beschluss-Vorlage FB61/957/12)

Geeignete Flächen für Windkraft in Göttingen

Welche Flächen im Stadtgebiet Göttingen für die Windkraft geeignet und vor allem nicht geeignet sind, war damals bereits von der Stadt und den Planungsbüros erarbeitet worden. Wesentliche Kriterien waren und sind vor allem Naturschutz und Abstand zu Wohngebieten.

Flächen für Windenergie sind beschränkt durch den Natur- und Landschaftsschutz mit Biotopen, Flora-Fauna-Habitaten, Natur-, Wasser- und Vogelschutzgebieten, sowie speziellen Schutzzonen für den Rotmilan und dem Wald mit einer Pufferzone von 100m.

Natur- und Landschaftsschutz

Hier gibt es ebenfalls Restriktionen, wie die Wohnnutzungsnähe mit 1000m Abstand und Strassen, Richtfunkanlagen, Stromtrassen usw. mit jeweils 100m Abstand, wie in der folgende Grafik dargestellt:

Wohngebiete

Es sind insgesamt 11 sogenannte Potentialflächen von sehr unterschiedlicher Größe ausgewiesen worden, die zusammen genommen eine Fläche von fast 180 ha ergeben. Die genaue Lage der Flächen ist in der folgenden Grafik des Fachdienstes Stadt- und Verkehrsplanung ausgewiesen.

Potentialflächen

Korrektur vom 24. März 2022: Bei einem Mindestabstand von einem Dreifachen des Rotordurchmessers3 und bei typischen 115-120m Rotordurchmesser in der 3MW-Klasse für Windräder beträgt der Abstand also 345-360m. Damit lassen sich auf den elf Teilflächen vermutlich ca 45 Anlagen unterbringen mit einer maximalen Leistung von 135MW. Selbst bei nur elf Prozent der Volllaststunden ergäbe dies einen Gesamtertrag von ca 135GWh/a, was fast ein Viertel des gesamten Strombedarfs in Göttingens von 580GWh/a (2020) abdeckt. Das ist ja mal ein Anfang.

Und auch die zu erwartende tatsächliche Ausbeute in diesen Gebieten sieht nicht schlecht aus, wie aus dem Gutachten zur sogenannten Windhöffigkeit hervorgeht.

Windhöffigkeit

Ein kleiner Ausflug in die Klimapolitik der Stadt Göttingen

Der Plan, der von der Verwaltung vor fast zehn Jahren (Ende 2012) erarbeitet wurde, war offenbar gut, denn ihm wurde nach Vorstellung in der Öffentlichkeit und nach Ausräumen aller kritischen Punkte von fast4 allen betroffenen Ortsräten einstimmig zugestimmt.

Zustimmung der Ortsräte

Im Mai und Juni 2013 wurde der Beschlussvorschlag5 nach eingehender Diskussion im Bau- und Umweltausschuss beschlossen. Der nächste Schritt des geplanten Verfahrens war die Zustimmung des damaligen Oberbürgermeisters Köhler (SPD) im Verwaltungsausschuss im Juni, um dann im Rat im September endgültig beschlossen und Ende Oktober im Amtsblatt rechtskräftig zu werden.

Aber dieser nächste Schritt wurde nie gegangen: nach der Beratung im Bauausschuss tauchte die Beschlussvorlage in keiner Sitzung der Göttinger Ausschüsse mehr auf. Oberbürgermeisters Köhler hatte ihn offenbar im nicht öffentlichen Verwaltungsausschuss kassiert.

Selbst In der sogenannten Ratsbeschlusskontrollliste6, dem zentralen Kontrollinstrument der wirkungsvollen Arbeit des Göttinger Stadtrates, wird dieser Vorgang als verwaltungsseitig zurückgezogen/vertagt bezeichnet (was denn nun?) und fortan mit keinem Wort und keiner Vorlagennummer mehr erwähnt. Diese hervorragende Vorarbeit für die Windkraft in Göttingen ist also umfassend unter den Teppich gekehrt worden.

Aber dass sich die Politik mit den richtigen energiepolitischen Entscheidungen in den letzten Jahren/Jahrzehnten schwer getan hat, wissen wir ja schon längst. Viel wichtiger ist jetzt, dass schnell gestartet werden kann. Und dafür haben wir mit dieser Vorarbeit und diesen Beschlüssen von vor zehn Jahren eine hervorragende Grundlage.

Auch die Planungen für die derzeitigen Neubaugebiete im Europa-Quartier Holtensen und am Lange Reekesweg liegen in von anderen Wohngebieten umschlossenen Bereichen und vermindern die Größe der Potentialflächen daher nicht. Lediglich die Neubaufläche in Esebeck könnte die Fläche 8 von ca. zehn Hektar vor Elliehausen um vielleicht ein Drittel verkleinern, also den Verzicht auf etwa sechs Windrädern bedeuten.

Jetzt geht es darum, auf Grundlage dieser Beschlussvorlage, dem ja alle Ausschüsse und fast alle Ortsräte zugestimmt hatten, dem auch über den langen Zeitraum von fast zehn Jahren an keiner Stelle widersprochen wurde und die immer noch aktuell ist, so schnell wie möglich im Rat zu verabschieden und im Amtblatt zu verkünden - eine Steilvorlage also für alle im Rat vertretenen Parteien, die derzeit nach scharfen Sanktionen gegen die Kriegspolitik Russlands rufen.


  1. Die Große Luftnummer, https://www.spiegel.de/politik/die-grosse-luftnummer-a-f28f16e5-0002-0001-0000-000030346813    ↩︎

  2. https://www.fachagentur-windenergie.de/aktuelles/detail/infraschall-bundesanstalt-korrigiert-rechenfehler/    ↩︎

  3. http://www.dirk-hottmann.com/anordnung-der-windenergieanlagen-in-onshore-windparks    ↩︎

  4. bis auf Groß Ellershausen/Hetjershausen/Knutbühren mit dem Wunsch nach 500m mehr Abstand ↩︎

  5. https://ratsinfo.goettingen.de/bi/vo020.asp?VOLFDNR=8448    ↩︎

  6. https://www.goettingen.de/pics/medien/1_1502701224/Ratsbeschlusskontrollliste__Stand_Dezember_2019.pdf    ↩︎